Moritz kann nicht sprechen. Seine Familie versteht ihn trotzdem: Sie kennen seine Laute, wissen was er braucht, haben jahrelang gelernt zu übersetzen. Für alle anderen ist diese Kommunikation unsichtbar. Moritz ist kein Einzelfall: Rund 63.000 Menschen in Österreich können nicht oder kaum sprechen. Viele kommunizieren mit Hilfsmitteln wie Gebärden, Symboltafeln oder Sprachcomputern, die voraussetzen, dass das Gegenüber mitspielt, das Gerät griffbereit ist und die nötigen motorischen oder kognitiven Fähigkeiten vorhanden sind. Doch Moritz hat Glück: Sein Onkel Benjamin hat sich vorgenommen, das Problem zu lösen. Nicht nur für Moritz, sondern für alle Betroffenen. Daraus entstand MindEcho, der Gewinner des Get active Social Business Awards 2025.
Eine KI, die individuelle Laute versteht
Bestehende Kommunikationshilfen übersetzen Symbole, Gesten oder getippte Eingaben in Sprache. MindEcho geht einen anderen Weg: Die App übersetzt keine Wörter, sondern die ganz persönliche Ausdrucksweise eines Menschen. Die KI lernt, was ein bestimmter Laut bei einer bestimmten Person bedeutet: Hunger, Durst, Schmerz oder der Wunsch nach einer Pause. Damit können auch Menschen unterstützt werden, die keine verständliche Lautsprache verwenden und auf keine der bestehenden Kommunikationshilfen zurückgreifen können.
Die KI wird ganz individuell trainiert: Angehörige oder Betreuungspersonen nehmen Laute einer Person auf und ordnen sie den jeweiligen Bedürfnissen zu. Ab fünf verschiedenen Bedürfnissen mit je zehn Aufnahmen beginnt die KI, erste Muster zu erkennen, und wird mit jeder weiteren Aufnahme verlässlicher. Dominik Stix, CCO von MindEcho: „Die aktuell größte Herausforderung ist die enorme Individualität menschlicher Kommunikation. Zusätzlich müssen Hintergrundgeräusche gefiltert, relevante Lautäußerungen erkannt und die Bedürfnisse möglichst zuverlässig zugeordnet werden." Genau diese Kombination aus technischer Präzision und praktischer Alltagstauglichkeit ist es, die die Entwicklung sowohl komplex als auch notwendig macht.
Die Idee zu MindEcho entstand nicht am Schreibtisch, sondern im Alltag. Auslöser war Moritz, der aufgrund einer seltenen genetischen Erkrankung nicht sprechen kann. Seine Familie versteht viele seiner Laute und Bedürfnisse gut, für Außenstehende ist das jedoch kaum möglich. Aus dieser Beobachtung entstand eine Frage, die einfach klingt, aber technisch alles andere als trivial ist: Wenn Menschen diese Muster erkennen können, warum sollte eine KI das nicht ebenfalls lernen können?
Im November 2025 gewann MindEcho den Get active Social Business Award (GASBA) und damit ein Startkapital von 73.500 Euro, das es dem Team ermöglichte, wichtige Entwicklungsarbeiten früher umzusetzen als ursprünglich geplant. Mindestens so wertvoll war für die Gründer die inhaltliche Auseinandersetzung während des Coaching-Wochenendes: die bewusste Entscheidung, MindEcho als Social Business zu positionieren. „Die wichtigste Erkenntnis war die bewusste Positionierung von MindEcho als Social Business", sagt Stix, mit dem Ziel, gesellschaftliche Wirkung und wirtschaftliche Tragfähigkeit gleichwertig zu verfolgen.
MindEcho befindet sich aktuell in einem Forschungsprojekt der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), gemeinsam mit der Johannes Kepler Universität Linz (JKU) und der FH Gesundheitsberufe OÖ. Das Team arbeitet an der ersten funktionsfähigen Version der App und führt umfangreiche Praxistests mit Nutzerinnen und Nutzern sowie ihren Bezugspersonen durch, während parallel die Datenbasis kontinuierlich ausgebaut wird, um die Erkennungsqualität zu verbessern. Das Ziel ist es, MindEcho im Jahr 2027 erstmals öffentlich verfügbar zu machen.
Dann ist ein Abo-Modell geplant, das langfristig deutlich günstiger sein soll als viele bestehende Kommunikationshilfen. Damit der Zugang nicht vom Einkommen abhängt, arbeitet MindEcho an zwei ergänzenden Modellen: Mit MindEcho Care können Nutzerinnen und Nutzer freiwillig einen höheren Beitrag leisten, um einkommensschwachen Familien den Zugang zu finanzieren, während Unternehmen über MindEcho Impact Partnership Jahresabos für betroffene Mitarbeitende, Familien oder Einrichtungen übernehmen können. Das erklärte Ziel des Teams ist dabei klar: Jede Person, die MindEcho braucht, soll Zugang dazu bekommen, unabhängig von der finanziellen Situation.
MindEcho ist auf iOS und Android verfügbar. Weitere Informationen unter www.mindecho.at